Phasen zum Alkohol 3

  • Kritische Phase, fortgeschrittenes Mittelstadium

1.     Kontrollverlust, unwiderstehliches Verlangen nach mehr Alkohol
 
Es ist das Stadium erreicht, in dem bei dem Trinker ein unwiderstehliches Verlangen nach mehr Alkohol entsteht, sobald eine kleine Menge Alkohol in seinen Körper gelangt ist. Dieses Verlangen wird als zwingender Bedarf empfunden und hält gewöhnlich an , bis der Trinker zu betrunken ist oder zu krank für eine weitere Alkoholaufnahme ist. Dieser alkoholische Exzess, medizinisch Alkoholabusus genannt, braucht nicht durch irgendein persönliches oder psychisch bedingtes Bedürfnis eingeleitet zu werden, sondern kann aus einer "harmlosen" gesellschaftlichen Gelegenheit entstehen. Dieser "Kontrollverlust" bedeutet nicht, daß der Trinker immer trinken muß, er setzt vielmehr erst während des Trinkens und durch das Trinken ein.

Der Trinker hat in der konkreten Situation noch immer die Entscheidungsfreiheit darüber, ob er trinken will oder nicht. Das wird allein durch die alkoholabstinenten Perioden bewiesen, die oft nach derartigen Exzessen eingehalten werden.

In diesem Zusammenhang wird oft die Frage erhoben, warum der Trinker nach seinen verhängnisvollen Erfahrungen anläßlich seiner wiederholten Exzesse dann immer wieder anfängt zu trinken. Er ist in diesem Stadium bereits alkoholabhängig geworden, wenn es ihm auch noch nicht bewußt ist. Sein Wille in Verbindung mit Alkohol ist mindestens beeinträchtigt, er selbst jedoch glaubt, daß er seine diesbezügliche Willenskraft nur vorübergehend verloren hat und sie daher wiedererlangen kann und muß. Er ist sich jedoch nicht darüber im klaren, daß in ihm ein Vorgang (Abhängigkeitserkrankung) abgelaufen ist, der es ihm unmöglich macht, seinen Alkoholkonsum über längere Zeiträume hinweg einzuschränken oder zu kontrollieren.
 

2.     Ausreden, warum man so trinke
 
Mit dem Einsetzen des Kontrollverlusts beginnt der Alkoholiker sein Trinkverhalten zu erklären unds schafft sich durch "Alkoholausreden" Alibis, d.h. Erklärungen, die ihn selbst davon überzeugen sollen, daß er die Kontrolle über sein Trinken nicht verloren hat. Er redet sich selbst ein, daß daß er "guten" Grund zum Sichbetrinken habe und daß er ohne "diesen" Grund genauso mäßig oder überhaupt nicht wie die anderen trinken könne. Hier setzt der große unbewußte Selbstbetrug des Alkoholikers ein und damit verbunden der Betrug an seiner Umwelt.
 

3. soziale Belastungen
 
Dieser Selbstbetrug ist nun beim Alkoholiker der Anfang eines ganzen "Erklärungssystems", das sich immer mehr auf jede Ebene seines Lebens ausbreitet. Dieses "System" dient nun auch als Wiederstand gegen die "sozialen Belastungen", die zusammen mit dem "Kontrollverlust" entstehen. Seine Trinkart fällt unterdessen auch der Umgebung auf. Angehörige, Freunde, Kollegen und Arbeitgeber beginnen, den Alkoholiker zu tadeln oder zu warnen.
 

4. großspuriges Auftreten, Imponiergehabe
 
Auf das Verhalten der Umwelt reagiert der Alkoholiker mit "übergroßer Selbstsicherheit" nach außen, obwohl bei ihm ein deutlicher Verlust an Selbstachtung einsetzt. Er versucht, diesen Verlust durc Extravaganz und Großspurigkeit zu kompensieren, um sich selber davon zu überzeugen, daß er noch nicht so schlecht dran ist, wie er manchmal gedacht habe.
 

5. auffällig agressives Verhalten (die andern sind schuld)
 
Durch sein "Erklärsystem" isoliert sich der Alkoholiker in zunehmenden Maß von seiner Umwelt, die in seinen Augen an allem schuld ist. Auf dieses angebliche "Schuldsein" der Umwelt reagiert er dann mit auffällig agressivem Benehmen. 
 

6. innere Zerknirschung, dauerndes Schuldgefühl
 
Das auffällige Verhalten des Alkoholikers gegenüber seiner Umwelt reflektiert auf ihn selbst und ruft nun auch in ihm Schuldgefühle hervor, die zur inneren Zerknirschung führen. Diese Zerknirschung sucht er erneut mit Alkohl zu überspielen, und so setzt ein Teufelskreis ein.
 

7. Perioden völliger Abstinenz
 
Bisweilen gelingt es dem Alkoholiker diesen Teufelskreis zu durchbrechen, indem er Peroden völliger Abstinenz durchläuft. Dabei folgt er dann auch dem zunehmenden sozialen Druck.
 

8. Änderung des Trinkverhaltens: kein Bier mehr, nur noch Gläser, nur noch abends usw.
 
Die abstinenten Perioden führen jedoch wieder zum Rückfall, da er seinem Grundübel, dem "Selbstbetrug", nicht begegnet und daher dem ständigen inneren Druck nicht standhält. Aus diesem "Selbstbetrug" heraus ändert der Alkoholiker jetzt sogar sein Trinksystem, indem er sich selber Regeln aufstellt, so z.B. nicht vor einer bestimmten Tageszeit zu trinken oder nur an bestimmten Orten oder nur diese Art (Wein statt Bier) und Menge Alkohol zu trinken usw.
 

9. Fallenlassen von Freunden (Feindseligkeiten gegen die Umgebung)
 
Die Umwelt erkennt natürlich die Änderung der Verhaltensweise des Alkoholikers, entlarvt ihn ob seiner "scheinbaren" Abstinenz und durchschaut die Änderung seines "Trinksystems". Darauf reagiert der Alkoholiker mit Feindseligkeit und läßt seine Freunde fallen.
 

10. ständige Probleme am Arbeitsplatz, Kündigung

Die Arbeitsleistung sinkt, die Krankheitstage häufen sich. Die Kollegen gehen auf Distanz. Der Trinker verliert den Arbeitsplatz oder steht kurz davor oder er kündigt von sich aus, um einer Entlassung zuvorzukommen. 
 

11. Konzentrieren des Benehmens auf den Alkohol
 
Da sich der Alkoholiker immer mehr verlassen sieht, konzentriert er sich im verstärkten Maß auf den Alkohol als "Medizin und Seelentröster".
 

12. Verlust an Interessen
 
Der Alkoholiker denkt darüber nach, wie eine bestimmte Tätigkeit sein Trinken stören könnte (statt umgekehrt) und lehnt alle Interessen ab, die ihn am Trinken hindern können.
 

13. Neuauslegung mitmenschlicher Beziehungen
 
Im Alkoholiker verstärkt sich zunehmend das Gefühl, daß die Umwelt an seinem Fehlverhalten schld sei. Dieses Gefühl ruft in ihm eine immer stärkere Anspruchshaltung hervor, aus der heraus er nur noch den Wert oder Unwert seiner mitmenschlichen Beziehungen bemißt.
 

14. auffallendes Selbstmitleid
 
Diese Auslegung seiner mitmenschlichen Beziehungen ist mit einem auffallenden Selbstmitleid verbunden. Er kann doch nichts dafür, die andern wollen ihm doch immer etwas am Zeuge flicken.
 

15. gedankliche und tatsächliche Flucht
 
Sein "Erklärsystem", seine Isolation und sein "Selbstmitleid" haben jetzt derartige Formen angenommen, daß der Alkoholiker versucht, sich den daraus entstandenen Problemen durch gedankliche Flucht (sich selber etwas vorgaukeln und gedanklich in eine bessere Atmosphäre versetzen) oder tatsächliche (geographische) Flucht zu entziehen.
 

16. Änderung im Familienleben
 
Unter dem Eindruck dieser Vorfälle tritt eine Änderung im Familienleben ein. Nicht nur der Alkoholiker hat sich zunehmend isoliert, sondern auch seine Familienangehörigen ziehen sich zunehmend zurück. Auch entwickeln sie eine ausgiebige Betriebsamkeit, um dadurch der häuslichen Umgebung zu entkommen. 
 

17. grundloser Unwillen
 
Der Alkoholiker selbst lebt jetzt in einem anhaltenden Spannungszustand, der oft bei ihm grundlosen Unwillen auslöst.
 

18. Sichern von Alkoholvoräten
 
Das vorherrschende Interesse an Alkohol veranlaßt den Alkoholiker, sich seinen Alkoholvorrat immer zu sichern, wobei er auch dazu übergeht, ihn zu verstecken.
 

19. Vernachlässigung angemessener Ernährung
 
Sowohl das Sichern des Alkoholvorrats als auch die ersten Auswirkungen auf den Organismus durch das ständige Trinken (Appetitlosigkeit) bringen den Alkoholiker dazu, seine Ernährung zu vernachlässigen bzw. sich völlig einseitig zu ernähren (Kotelett, Frikadellen, Würstchen, Brühen usw. - Vitaminmangel). 
 

20. Gesundheitliche Verschlechterung, erste Einweisung in ein Krankenhaus wegen alkoholbedingter Beschwerden
 
Die ersten organischen Schäden werden akut (Magenschleimhautentzündung, Leberschäden, neurotische Störungen). Unter Umständen werden stationäre Behandlungen erforderlich.
 

21. Abnahme des Sexualtriebs
 
Während sich zu Beginn der Trinkerzeit eine erhöhte Potenz bemerkbar machte und an die Ehefrau unzumutbare Forderungen gestellt wurden, zeigt sich jetzt eine zunehmennde Impotenz des Alkoholikers.
 

22. alkoholische Eifersucht
 
Aufgrund der eigenen zunehmenden Impotenz steigert sich beim Alkoholiker die Feindschaft gegenüber seiner Ehefrau. Er unterstellt ihr außerehelichen Geschlechtsverkehr und verfällt dadurch in die "alkoholische Eifersucht". Reaktionen seiner Ehefrau auf sein Fehlverhaltenwerden von ihm grundsätzlich mißvrstanden, ein anderer Mann wird dahinter vermutet.
 

23. regelmäßiges morgendliches Trinken
  
In diesem Stadium haben Gewissensbisse, Unwillen, Kampf zwischen Alkoholverlangen und Pflichten, Verlust der Selbstachtung und Selbstmitleid, Zweifel und Selbsttäuschung den Alkoholiker so zerrüttet, daß er den Tag nicht beginnen kann, ohne sich nach dem Aufstehen oder noch vorher mit Alkohol zu beruhigen. Ja, er kann schon seine Arbeit ohne Alkohol nicht mehr ausführen. Durch den bisherigen Prozeß des Alkoholismus ist die moralische und körperliche Widerstandskraft des Alkoholikers schon völlig untergraben.
 

Während der kritischen Phase ist Trunkenheit die Regel, aber sie ist auf die Abendstunden beschränkt. Mit dem Trinken wird irgendwann am Nachmittag begonnen und gegen Abend ist der Rausch erreicht. Die kritische Phase präsentiert durchweg den heftigen Kampf des Süchtigen gegen den völligen Verlust der sozialen Basis. Gelegentlich verursachen die Nachwirkungen des abendlichen Rausches einen geringen Zeitverlust, aber im allgemeinen kann der Süchtige seiner Arbeit nachgehen, wenn er auch seine Familie vernachlässigt. Er strengt sich besonders an, um einen Rausch während des Tages zu vermeiden.

Der geschilderte Krankheitsprozeß in der kritischen Phase unterminiert fortschreitend den moralischen und körperlichen Widerstand des Süchtigen.